Wenn Gilles Thibaudeau seine oberen Schaufelzähne in der Spielerkabine zurücklässt, erweckt er beim Betreten des Eises einen furchterregenden Eindruck. Diese entschlossene Miene widerspiegelt allerdings nur den Spieler Thibaudeau: kompromisslos und zielstrebig. Dank seinen grossen läuferischen Qualitäten entwickelt er in der Offensive viel Zug. Er schiesst hart und präzis. Besonders gefürchtet sind bei den Torhütern seine überraschenden Schüsse aus dem Handgelenk. Genauso wie seine Abschlussfähigkeiten schätzen seine Trainer seine Vielseitigkeit. Der Kanadier ist sich für Defensivaufgaben nie zu schade. Auch ohne Zähne entwickelt er viel Biss, obwohl ihm jegliche Bösartigkeit abgeht und er eigentlich die Liebenswürdigkeit in Person ist. In seinen drei Jahren beim HC Davos hat er nie mehr als 24 Strafminuten pro Saison in der Kühlboxe verbracht. Weil er sehr wendig ist, weiss er den Körperchargen der Gegner geschickt auszuweichen. Andererseits kann er wenn nötig seine 82 Kilogramm Körpergewicht geschickt zur Geltung bringen.
Thibaudeau kam 1991 in die Schweiz, zum HC Lugano. Bei den Tessinern wurde er nach nur einer Saison als zu leicht empfunden. HCD-Präsident Werner Kohler nutzte die Chance und engagierte den Kanadier. Ein geschickter Entscheid, wie sich zeigen sollte: Der stets bescheidene, vorbildliche Stürmer, der sowohl als Center wie auch auf den Flügelposten eingesetzt werden kann, trug in seinem ersten Davoser Jahr entscheidend zum Aufstieg in die Nationaliga A bei. 76 Skorerpunkte buchte er allein während der Qualifikation, elf weitere im erfolgreichen Aufstiegs-Play-off. Im Gegensatz etwa zu einem Ron Wilson brüstete er sich nie mit seiner Trefferquote. "Natürlich ist es ein schönes Gefühl, wenn man nach einem Torerfolg die Teamgefährten jubelnd auf dich zurennen und dich vor Freude fast erdrücken", sagt der Kanadier. "Doch ich habe das Tor nicht für meine Repulation, sondern für die Mannschaft geschossen. Diese gewinnt, wenn wir erfolgreich sind, und allein das zählt."
Mit seinem tadellosen Charakter, seinem Kampfgeist und unermüdlichen Einsatz half Thibaudeau entscheidend mit, dass Davos nach der Rückkehr in die oberste Spielklasse 1993/94 eine recht sorgenfreie Saison erlebte und die Qualifikation im siebten Rang abschloss. 30 Tore steuerte der Kanadier selber zum Unternehmen "Ligaerhalt" bei. Auf ihn war auch in seinem dritten Davoser Jahr verlass. Jetzt allerdings primär bezüglich Einstellung und Engagement auf dem Eis, aber nicht mehr punkto Torproduktion. In der Qualifikation traf der Stürmer nur noch 17 mal.
Für die Vereinsführung, welche mit ihrer Zielsetzung in der Nationaliga A immer weiter nach oben schielte, war's zu wenig. Frühzeitig eröffnete der HCD-Vorstand dem Kanadier, dass man seinen auslaufenden Vertrag nicht mehr verlängern werde. Thibaudeau schmerzte dieser Entscheid zwar stark. Als absolut fairer Sportsmann und Profi sah er darin aber keinen Grund, die Saison lustlos als Pflichtaufgabe zu beenden. In der Play-off-Viertelfinalserie gegen Fribourg liess er plötzlich seine frühere Torgefährlichkeit mit fünf Treffern und vier Assists wieder aufblitzen. "Natürlich tut es mir und meiner Familie weh, Davos verlassen zu müssen", erklärte er vor seinem letzten Match in den HCD-Farben."Aber wieso sollte ich nun nicht mein Bestes für das Team geben? Es ist grossartig, jetzt mit dieser Mannschaft um den Einzug ins Halbfinale kämpfen zu können. Drei Jahre lang habe ich mich für diese Mannschaft eingesetzt, habe ich mit dem HCD grosse Momente wie zum Beispiel den Aufstieg in die Nationaliga A oder danach den erfolgreichen Verbleib in der obersten Spielklasse erlebt. Alles war so positiv in Davos - dieser Eindruck soll auch bleiben." |