Schon vor Beginn der Meisterschaft 1987/88 prophezeiten Fachleute dem HC Davos die schwerste Saison seit dem Aufstieg 1979. Die Mannschaft hatte zwar seit 1983 stets eine Medallie gewonnen, doch der Zuschaueraufmarsch hatte alarmierende Einbussen erlitten. In den letzten vier Jahren sank der Durchschnitt im Davoser Eisdom um 33 Prozent oder konkret von 4071 auf 2739 Personen pro Spiel. Die Fans respektierten die Klauen des Schicksals nicht, das besagt, dass jede erfolgreiche Mannschaft eine Atempause in der Mittelmässigkeit braucht um sich zu regenerieren. Die Anzeichen deuteten vor dem Meisterschaftsstart zudem nicht auf Besserung. Nach dem Abgang von Verteidiger-Haudegen Marco Müller zum SC Bern war die Abwehr noch labiler geworden. Craig Levie, der im Vorjahr wegen einer Aduktorenverletzung frühzeitig ausser Gefecht gesetzt worden war, wurde erneut engagiert. Er musste während der Vorbereitung verletzungsbedingt wieder pausieren, genauso wie Rückkehrer Richi Jost, Neuzuzug Erich Jost und Claude Sougel.
In der Not funktionierte der neue Trainer Juhani Wahlsten zeitweise die beiden Vollblutstürmer Jaques Sougel und Remo Gross zu Verteidigern um. Fausto Mazzoleni sah den Tatsachen unmissverständlich ins Auge:"Wir können in dieser Saison sicher nicht einfach warten bis zu den Playoff und dann sehen, wie es weitergeht. Vielmehr müssen wir hart kämpfen, wenn wir unser Ziel, einen Platz unter den ersten vier, erreichen wollen." Die Voraussetzungen des Verteidigers bewahrheitete sich schon beim Meisterschaftsstart. Nach zehn Spielminuten lag der HCD gegen Gottéron-Fribourg mit 0:2 zurück. Im Mitteldrittel wandelten die Bündner den Rückstand in einen 5:3-Vorsprung um. Am Ende hiess es 7:4, womit sie von einem geglückten Auftakt sprechen können. Und den bestätigten die Davoser im zweiten Heimspiel mit einem glatten 9:0 gegen den SC Bern. Nach dem Abstieg von Chur war der HCD zwar die einzige Mannschaft, doch eine Spur von Derbystimmung kam wenigstens gegen die "Mutzen" auf. Bei Bern standen Reto Dekumbis, Pietro Cunti, Heini Staub, Marco Müller, Roberto Triulzi, Guido und Thomas Laczko nicht weniger als acht Akteure unter Vertrag, welche ihr Eishockey-ABC in Graubünden gelernt hatten. Sie alle verliessen die Davoser Eissporthalle nach der Schlappe mit hängenden Köpfen."Es ist mir unerklärlich, dass so gute Spieler so schwach spielen konnten", rätselte Bern-Trainer Timo Lathinen. Zu einem ganz besonderen Ereignis wurde die Heimpartie vom 3. November gegen Langnau für Thomas Müller. Nur vier Monate nach der operativen Entfernung eines Gehirntumors gab er 23jährige Flügelstürmer sein Comeback in den Davoser Farben. Er fügte sich mit den Assists zu den beiden ersten Treffern nahtlos ins Team ein. Knappe 40 Minuten nach dem 4:2-Sieg gab sich Thomas Müller beim Verlassen der Kabine froh und zufrieden:"Es war ein unheimlich gutes Gefühl, als ich das Eis betrat. Zum ersten Mal durfte ich wieder mittun. Nach der Partie fühlte ich mich trotz grosser Müdigkeit noch besser, denn ich hatte während der gesamten Spielzeit keinerlei Schmerzen verspürt. Ich bin wirklich wieder okay, wirklich wieder gesund!" Müller hatte im Frühsommer zwei Wochen nach seiner Operation mit einem leichten Training beginnen dürfen:"Ein bisschen Schwimmen, Laufen und Velo fahren, doch der Puls durfte nie 150 bis 160 Schläge pro Minute überschreiten, um die Blutgefässe nicht unnötig zu strapazieren." Sechs Wochen vor seinem ersten Ernsteinsatz hatte der Stürmer mit der Nummer 20 erstmals die ärztliche Erlaubnis erhalten, auf dem Eis mit der Mannschaft zu trainieren, vorerst aber noch ohne Körperkontakte. Müllers Rückkehr verlief derart gut, dass er schon Anfang Dezember bei den Länderspielen gegen die Sowjetunion auch in die Nationalmannschaft zurückkehrte.
Das schlimmste Tief der Saison
Nach 22 Runden trat der HCD die Weihnachts-Neujahrspause als Tabellendritter an. Die Reserve kämpfte im Kampf um einen Play-off-Platz betrug vier Punkte auf das fünftklassierte Ambri. Trotzdem bleib der Vorstand nicht untätig. Am 1. Januar entschied er, Ron Wilson aus Amerika zurückzuholen. Der Verteidiger von den Minnesotha North Stars auf die Transferliste gesetzt worden, nachdem der Klub praktisch keine Aussichten mehr auf eine Playoff-Qualifikationen besass. Da nutzte der HCD die Chance, weil er mit Levies unkonstanten Leistungen nicht zufrieden war. Wilson verzeichnete beim 7:3-Sieg in Sierre eine Rückkehr nach Mass: der 33jährige Amerikaner strand bei sechs Davoser Treffern und nur einem der Walliser auf dem Eis. An diesem Abend ahnte noch keiner, dass der HCD gleich ins schlimmste Tief der ganzen Saison schlittern sollte. Die Bündner verloren ihre nächsten fünf Partien und trübten damit ihre Play-off-Aussichten. Gerade noch rechtzeitig leiteten sie mit einem 14:5-Kantersieg gegen Langnau wieder die Wende zu besseren Zeiten ein. Diese reichten zum sicheren vierten Qualifikationsschlussrang. Allzu rosig standen die Aussichten vor dem Beginn der Play-off-Halbfinals allerdings nicht. Als Gegner wartete nun Lugano, der Titelverteidiger, gegen den die Davoser in allen vier Direktbegegnungen der laufenden Saison den kürzeren gezogen hatten. HCD-Trainer Wahlsten beklagte vor dem Play-off-Start im Vergleich zu Lugano das Fehlen von eigentlichen Leistungsträgern in seinen Reihen.
Gleichwohl machte der Finne wenigstens in (Zweck-)Optimismus indem er <<den Davoser Geist>>, die Routine vieler meiner Spieler und mit Richi Bucher den besten Torhüter des Landes>> als seine Trümpfe erwähnte. Sie stachen allerdings nicht. Ganz im Gegenteil: Lugano präsentierte sich meisterlich. Davos die Resega-Eishalle zwar mit einer 1:10-Packung, aber mit intakter Moral. Drei Tage Tage später erzielte Thomas Müller in der 9. Minute der Verlängerung das goldene Tor zum 4:3-Erfolg über den haushohen Favoriten, nachdem Raymond Walder sieben Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit für die Tessiner noch ausgeglichen hatte. Trotz des Sieges stellte Wahlsten seine Sturmlinien für den dritten Match um. Mit dieser unverständlichen Massnahme trug der Finne seinen Teil zum Chaos im Davoser Spiel bei, das im Tessin mit einem 1:8-Debakel ausging. Trotz dieser Enttäuschung passierten vor dem vierten Spiel 6011 Zuschauer - so viele wie nie zuvor in der ganzen Saison - die Drehkreuze in der Davoser Eishalle. Sie kamen in den Genuss einer dramatischen Partie. Wie schon im letzten Heimspiel stand es nach 60 Minuten 3:3, doch diesmal kam der "plötzliche Tod" für den HC Davos. Luganos Goalgetter Kent Johansson nutzte einen Verteidigungsfehler nach 5:47 Minuten der Verlängerung. "Wir hätten den Match in der regulären Spielzeit zu unseren Gunsten entscheiden müssen. Die Verlängerung ist immer eine Lotterie. Ich wäre gerne nochmals nach Lugano gefahren", bedauerte Captain Jaques Sougel das ehrenvolle Ausscheiden im Titelkampf. Die Motivation war damit allerding weg. Dies offenbarte sich in den beiden Partien gegen Ambri im Kampf um die Bronzemedallie. Gegen ein ersatzgeschwächtes Davos kamen die Tessiner in ihrer Heimpartie zu einem leichten 8:1. Und auch im Rückspiel liessen sie sich nicht lumpen. Mit einer 3:9-Niederlage beendete der HCD die Saison. Ambri sicherte sich damit zum zweitenmal in seiner Klubgeschichte Edelmetall, nachdem es 1957 ebenfalls die Bronzemedallie gewonnen hatte. Davos ging hingegen erstmals seit 1982 im Medallienkampf leer aus. Während der sportliche Niedergang im Rahmen blieb, nahm der Zuschauerrückgang mit einem Einnahmeverlust in deutlicher sechsstelliger Höhe beängstigende Formen aus. Die Partie zwischen Davos und Ambri am Ostermontag bedeutete für den HCD den Abschluss einer extrem langen Saison, bedingt durch den gut einmonatigen Meisterschaftsunterbruch wegen der Olympischen Winterspiele in Calgary, wo das Davoser Eishockey durch Richi Bucher, Fausto Mazzoleni und Philipp Neuenschwander vertreten war. Gleichzeitig ging an diesem 2. April 1988 die Ära für Lance Nethery und Ron Wilson als Spieler in den Davoser Farben endgültig zu Ende. Beide entschieden sich für eine neue Herausforderung in der Nationaliga B, Nethery beim SC Hersiau und Wilson beim Zürcher SC - ein Gewinn fürs "Unterhaus", aber gleichzeitig ein Verlust für die Nationaliga A, hatte das Duo doch zu den erlogreichsten Eishockey"Söldnern" der letzten zehn Jahre in der Schweiz gehört.
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