Seine Nationaliga-A-Zukunft bereitete der HCD im Transfersektor generalstabmässig vor, noch ehe der Aufstieg perfekt war. Mit den beiden Rückkehrern Nando Wieser und Sergio Sougel sowie Roger Sigg, Didier Massy, Roland Rüedi und René Müller sicherte sich Davos die Dienste von sechs NLA-erfahrenen Spielern, dazu mit Marc Gianola eines der grössten Verteidigertalente des Landes."Ligaerhalt" lautete die offizielle Zielformulierung, allerdings mit dem bedeutenden Nachsatz "wenn möglich bereits in der Qualifikation", was mindestens den achten Platz bedingte. Die Saisonvorbereitung verlief nach Plan. Getrübt wurde sie nur durch Scharmützel von Thomas Domenig. Der allmächtige Chur-Präsident hatte die Play-off-Niederlagen bis im Sommer noch immer nicht verdaut. Er litt unter den Nachwehen des Abstiegs. Mit der Begründung, Davoser Spieler hätten seinen Russen Harrijs Witolinsch und Michail Wasiljew im Auf/Abstiegskampf absichtlich verletzt, verbot Domenig seiner Mannschaft, zum Bündner Cupfinal in Davos anzutreten. In seinem Rundumschlag fuhr er auch gegen die HCD-Leitung mit schwerem Geschütz auf:<<Die Verantwortlichen des HCD schrecken nicht davor zurück, exponierte Spieler des Gegners mit gesundheitsgefährdenden Fouls auszuschalten.>> Die von Davos angefordeten Beweise für seine massiven Vorwürfe konnte Domenig nicht liefern, weil es schlichtweg keine bösartigen Regelverstösse gegeben hatte. Mit seiner haltlosen Attacke schaffte er es immerhin, den Bündner Cup, dessen Einnahmen dem kantonalen Eishockey-Nachwuchs zugute kommen,
in der Saison 1993/94 platzen zu lassen.
Davos begann seine Nationaliga-A-Rückkehr mit einer 1:4-Niederlage beim favorisierten SC Bern. Der Aufsteiger spielte zwar keck auf, sündigte jedoch im Abschluss zu oft. Nur Oliver Roth bezwang den starken Berner Torhüter Renato Tosio. Auch in den nächsten Partien zahlten die Bündner Lehrgeld. Der 1:2-Ehrenmeldung gegen Fribourg folgte eine 1:10-Schlappe in Zug. Im vierten Meisterschaftsspiel trafen die Davoser endlich mehr als einmal. Drei Tore von Andi Egli, Steve Tsujiura und René Müller reichten zu einem 3:1 - ausgerechnet über den bislang verlustpunktlosen Schweizer Meister Kloten. Anschliessend doppelte der HCD mit einem 5:2 im Duell der Aufsteiger gegen Olten nach. Als "nicht schlecht" berurteilte der Davoser Trainer Mats Waltin jene Leistung, welche seine Mannschaft erstmals auf Platz acht und damit über den Tabellenstrich brachte."Wir haben aber immer noch zuviele Phasen, in denen wir nicht gut auftreten, in denen vorab das Spiel ohne Scheibe nicht wunschgemäss läuft." In der siebten Meisterschaftsrunde bewerkstelligte Davos seinen ersten Auswärtssieg nach der Rückkehr in die Nationaliga A. Vor 11 500 Zuschauern im Zürcher Hallenstadion bugsierte Tsujiura die Scheibe nach 102 Sekunden der Verlängerung zum 5:4 über die Torlinie. Roth drückte seine Emotionen nach dem Sieg in diesem rauchgeschwängerten Hexenkessel am deutlichsten aus: "Nichts ist schöner, als in Zürich zu gewinnen - das höchte aller Gefühle!"
Sechs Niederlagen in Serie
Nach der Euphorie im Hallenstadion wurden die Bündner rasch wieder auf den Boden zurückgeholt. Sechs aufeinanderfolgende Niederlage, bei denen sie fünfmal nur ein einziges Tor erzielten, warfen sie vom siebten auf den letzten Zwischenrang zurück."Die Spieler spüren den Erfolgsdruck, sie sind blockiert. Deshalb passt vorläufig nichts mehr zusammen analysierte Waltin die triste Situation." Seinem Naturell entsprechend ging der Schwede aber nicht den Weg des geringsten Widerstandes und damit zum Vorstand, um einen dritten ausländischen Spieler zu fordern. "Unsere Erfolglosigkeit ist nicht auf unsere beiden Kanadier zurückzuführen. Das Problem liegt darin, dass wegen der Verunsicherung die ganze Mannschaft nicht jenes System spielt, das sie sollte und wozu sie auch in der Lage ist."
Erst 32 Tage nach dem 5:4 in Zürich hellten sich die Davoser Gesichter wieder etwas auf. Je ein Treffer von Tsujiura und Thibaudeau reichte in Biel zu einem 2:2. Und mit einem 6:4-Heimerfolg über Olten kletterten die Waltin-Schützlinge wieder über den gefürchteten Tabellenstrich, der am Ende der Qualifikation zwischen Meister- und Abstiegs-play-off trennen sollte. Dramatik prägte das folgende Gastspiel in Ambri: Zweimal glichen die Bündner in den letzten 135 Spielsekunden aus, doch dieses Finale reichte nicht für einen Punkt. 10 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit traf Juri Leonow zum 5:4 für die Platzherren. Besser machten es die Davoser bei ihrem Abstecher nach Lugano. In der Sonnenstube brachten sie ein überraschendes 1:1 über die Zeit. Ein gelungenes Debüt gab in dieser Partie Martin Brich, der erst am Tag zuvor vom SC Bern zum HCD gewechselt hatte.
Strafrunden statt Pause
Trainer Waltin bereiteten die Leistungsschwankungen selbst innerhalb einzelner Begegnungen Sorgen. Er unternahm alles, um seine Leute auf Trab zu halten. Auf besondere Art bekamen es die Spieler im Strichduell gegen Biel zu spüren. Statt sich in der zweiten Drittelspause auszuruhen und zu stärken, mussten sie auf Geheiss des Schweden im Freien auf dem Natureis runden drehen. Dem Trainer war nicht entgangen, dass sich bei seinen Akteuren in Anbetracht der 3:0-Führung der Schlendrian eingeschlichen hatte. "Ich gewähre allen nochmals eine Chance. Wer diese nicht packt, wird die Wolldecke fassen", drohte Waltin vor dem letzten Spielabschnitt. Die Spieler verstanden den Fingerzeig. Davos gewann 5:0. Zwei Tage später gab's beim 4:0 in Ambri gleich das zweite Shutout für HCD-Torhüter Marino Buriola in der Nationaliga A.
Diese Efforts bedeuteten für Buriola allerdings kein Abonnement für den Stammplatz. Sein Konkurrent Nando Wieser rief sich beim unerwarteten 2:1-Sieg - Doppeltorschütze war Thibaudeau - in Lugano nachhaltig in Erinnerung. Ein anderer Davoser machte zu Beginn des neuen Jahres auf sich aufmerksam: Beim 3:1-Sieg über Titelverteidiger Kloten buchte das erst 19jährie Stürmertalent Reto Stirnimann seinen ersten Treffer in der Nationaliga A. Und im nächsten Spiel brachte er Biel mit seinen beiden Toren in die Verlängerung, wo Thibaudeau das 3:2 markierte. Mit zwei Heimsiegen gegen Ambri (5:2) und Bern (2:1) zementierten die Bündner ihren siebenten Qualifkationsrang und gleichzeitig ihren Ruf als bester Aufsteiger seit vielen Jahren.
Sensationeller 3:2-Sieg in Kloten
Den bestätigten sie auch in den Play-off-Viertelfinals. Davos begann seine Serie mit einem sensationellen 3:2-Sieg in Kloten gegen den Titelverteidiger. Roth im ersten Drittel sowie Thibaudeau und Brich mit einem Doppelschlag innert 40 Sekunden genau bei Spielhälfte schossen die Bündner vorentscheidend mit 3:0 in Front. In der zweiten Partie liessen sich die "Flieger" nicht mehr überraschen. 5:0 lautete ihr klarer Erfolg in Davos, und in der dritten Begegnung zeigten sie den Bündnern mit einem 7:1 erneut den Meister. Den entscheidenden dritten Sieg mussen sich die Zürcher gegen die sich heftig aufbäumenden Davoser hart erkämpfen und erzittern. 4:2 führte der HCD nach 42 Spielminuten und 100 Sekunden vor Schluss immer noch mit 4:3. Roman Wäger, der Nationaliga-A-Rekordtorschütze, kehrte die Partie im letzten Drittel abr mit einem klassischen Hattrick und warf damit die Bündner auf sem Play-off-Rennen. Für die beiden langjährigen HCD-Teamstützen Marino Buriola und Remo Gross bedeutete das Aus gleichzeitig das Karriereende.
Davos strahlte mit dem sicheren siebenten Qualifikationsrang und zwei starken Auftritten in dern Play-off all jene Kritiker Lügen, welche zu Saisonbeginn auf den Schlüsselpositionen nur Schwachstellen eruiert hatten. Die Meistgescholtenen waren in den Vorurteilen die Torhüter und die Ausländer. Waltin verstand es geschickt, bei seinen Goalies eine leistungsfördernde Konkurrenzsituation herzustellen. Der routinierte Buriola erachtete als besondere Motivationsspritze, allen seine NLA-Tauglichkeit zu beweisen. Und Wieser wurde im Laufe der Saison immer stärker und vor allem konstanter. Von den "Söldnern" behielt Thibaudeau mit insgesamt 33 Treffern sowie seine Torgefährlichkeit, obwohl die gegnerische Abwehrreihen nicht mehr aus bescheidenen Eishockey-Orten wie Lyss, Martigny oder Bülach stammten, sondern die Farben von Lugano, Bern oder Kloten trugen. Tsujiuras Torausbeute war nicht berauschend. Der kleine Stürmer schuftete jedoch regelmässig für zwei, stopfte hinten Löcher und riss vorne mit seiner unerschrockenen Art Lücken in die gegnerischen Reihen. Im Kampf ums Überleben in der obersten Spielklasse trafen die HCD-Verantwortlichen mit seiner Wahl die richtige Entscheidung. |