In der Saison 1994/95 verbuchte der HC Davos seine ersten Siege schon lange vor dem Meisterschaftsbeginn auf dem Transfermarkt. Nach der mit viel krampfhaft und Spieldisziplin erfolgreich bestandenen ersten Nationaliga-A-Saison suchten Präsident Werner Kohler und seine Leute jetzt primär kreative Spielertypen. Mit Verteidiger Samuel Balmer und Mittelstürmer Christian Weber folgten zwei bewährte vielfache Internationale den Davoser Lockrufen. Und den Ausländerposten des fleissigen Steve Tsujiura nahm Magnus Svensson ein. Der schwedische Starverteidiger sollte als Aggesivleader vor dem eigenen Gehäuse aufräumen, mit genauen Pässen den Spielaufbau lancieren und mit Weitschusstoren glänzen, wie er es für sein Land an den Olympischen Spielen und Weltmeisterschafte demonstriert hatte.
Die eigentliche Transferentdeckung war im ersten Punktespiel aber keiner dieser Nationalspieler, sondern Dan Hodgson. Der mit einer Freiburgerin verheiratete Kanadier hatte wegen eines Kreuzbandrisses fast eine Saison lang pausiert und erst kurz vor dem Meisterschaftsstart den Schweizerpass erhalten. Mit je zwei Treffern und zwei Assits verwirklichte Hodgson beim 5:2 in Biel einen Bilderbuch-Einstand. Trotzdem pilgerten drei Tage später nur 2760 Zuschauer in den Davoser Eisdom, um den "neuen" HCD erstmals zu beobachten. Sie mussten mitansehen, wie die Bündner wegen einer schlechten Chancenauswertung gegen Zug mit 4:5 verloren. Hodgson brachte zwar die Platzherren in Führung, doch nach 20 Minuten lagen sie schon 1:3 zurück. Nahtlos wurde damit die schlechte Davoser Serie gegen die Innerschweizer fortgesetzt: Gegen die körperbetont aufspielenden Zuger mussten die Bündner weiter auf ihren ersten Punktegewinn seit der Rückkehr in die oberste Spielklasse warten. Am 8. Oktober 1994 bekam der HCD die Möglichkeit, mit einem Sieg in Bern erstmals seit dem 27. November 1985 an die Tabellenspitze der Nationaliga A vorzustossen. Die Bündner beim SC Bern verhinderten dieses Vorhaben. Der St. Moritzer Roberto Triulzi schoss die "Mutzen" nach einem genauen Zuspiel des Ex-Churers Thomas Vrabec in Führung. Und an einem anderen Churer bissen sich die Davoser die Zähne aus: Renato Tosio hielt im Berner Tor dem Ansturm der Bündner stand. Er war am 2:1-Sieg der Platzherren massgebend beteiligt. Ein unschönes Ende nahm die Partie mit einem Crosscheck von Vrabec an Peter Bärtschi, der mit einer Schulterluxation ins Spital eingeliefert werden musste.
Viel Verletzungspech
Bärtschis Ausfall war nur ein Kapitel in der langen Davoser Verletzungspechgeschichte, die schon im Sommer angefangen hatte und fast mit jedem Match länger wurde. Andi Egli hatte bereits im August einen komplizierten Fussbruch erlitten. Svensson begann die Meisterschaft mit einer gebrochenen Hand. Marc Gianola schied in Freiburg mit Verdacht auf Kreuzbandris aus. Die Verletzung des Engadiners erwies sich glücklicherweise als weniger gravierend. Nach Bärtschi in Bern erwischte es in Lugano Balmer mit einem offenen Bruch des rechten Handgelenks. Und zwei Wochen später blieb Weber in Rapperswil mit einem Innenbandriss am linken Knie auf dem Eis liegen. Kurzfristig fielen im Oktober auch Martin Brich und Andi Näser aus. "Eine solche Verletzungsserie wie in der laufenden Saison habe ich noch nie erlebt", konstatierte Beat Villiger. Vehement verneinte der Klubarzt Fragen, ob Überlastungen oder falsches Training zu diese Misere führten. Die Verletzungen waren tatsächlich sehr verschiedenartig und teilweise das Produkt unglücklicher Zufälle. Zum Verletzungspech gesellte sich der schon beinah traditionelle schwarze November. "Schlechter geht's nicht mehr", stellte Waltin nach 3:5-Blamage zu Hause gegen den Zürcher SC fest."Bei uns passte gar nichts zusammen; das Spiel mit und ohne Scheibe funktionierte genau so wenig wie das Positionsspiel." Aus den ersten sechs Partien im November sicherten sich die Davoser nur drei Punkte. Als Symbol für den Zustand der ganzen Mannschaft galt Gilles Thibaudeau. Er mühte sich zwar redlich ab, kaum zu vielen Chancen, traf aber kaum mehr das Tor. Sein Name tauchte nicht einmal mehr in den Top 20 der Nationaliga-A-Skorerliste auf. Immerhin leitete der Kanadier danach die Wende zu wieder besseren HCD-Zeiten ein. In Biel schoss er nach 109 Sekunden nach der Verlängerung das entscheidende 6:5, welches den unversicherten Davoser wieder Selbstvertrauen einflösste. Sie hatten im Seeland in den ersten 30 Minuten noch bös untendurch müssen. Der 0:2-Rückstand nach dem ersten Drittel schmeichelte ihnen. Biels temporärer NHL-Import Chris Chelios, der bei den Chicago Black Hawks die stolze Jahresgage von 2,65 Millionen Dollar, traf gleich dreimal nur die Torumrandung. Erst ein Hattrick von Gian Marco Crameri rüttelte die Davoser richtig auf. Nach 60 Minuten überliess es Waltin seinen Spielern, ob sie in der Verlängerung auf das Halten des 5:5 ausgehen, oder den Siegtreffer anstreben wollten. Sie wählten mit Erfolg die Risikovariante.
Richtig gesund war der Patient HCD aber auch nach dem Erfolg in Biel noch nicht. Er besiegte zwar Lugano mit 3:1, doch dann folgte beim 1:8 in Bern ein Rückfall. "Eine absolute Frechheit, was wir geboten haben", kommentierte Crameri die Schlappe, während Waltin sprachlos und enttäuscht das Allmendstadion verliess. Getröstet wurde er in den beiden letzten Partien vor Weihnachten mit einem 4:4 gegen Fribourg und einem sensationellen 6:3-Auswärtssieg bei Tabellenführer Zug. Im neuen Jahr sorgte NHL-Star Waleri Kamenski bei Ambris 5:3 für den entscheidenden Unterschied zu den Bündnern. Svensson fehlte dem HCD wegen drei gebrochenen Rippen als Erinnerung an den Spengler-Cup. Beim folgenden 4:1 gegen Meister Kloten war der Schwede wieder dabei, fitgespritzt mit einem massgeschneiderten an den Körper angepassten Kunststoffgips als Schutzschild. Für das Heimspiel gegen Bern griff Waltin in die Trickkiste. Statt Standardkeeper Wieser schickte er Ivo Kleeb ins Tor. Diese Massnahme mobilisierte die Konzentration und das Defensivverhalten des ganzen Teams. Kleeb realisierte in seinem ersten Nationaliga-A-Spiel beim 4:0 ein Shutout. Der Formanstieg seit dem Spengler-Cup brachte beim HCD - wieder mit Wieser im Goal - den vierten Qualifikations-Schlussrang und zu Beginn der Play-off-Viertelfinal-Serie gegen Fribourg ein Heimspiel ein. "Unsere Stärke ist das Kollektiv", beurteilte Waltin die Ausgangslage. "In unserem Team findet man nicht die grossen Stars, wir bauen auf die mannschaftliche Geschlossenheit. Davos kann gut spielen, doch unsere Schwäche ist die fehlende Stabilität. Anfällig ist auch unser Defensivkonzept." Respektvoll äusserte sich Freiburgs Spielmacher Slawa Bykow, der an den beiden vorangegangenen Spengler-Cups den HCD verstärkt hatte, über den Gegner: "Davos verfügt über eine gute Ambiance. Die älteren und die jüngeren Spieler ergänzen sich sowohl auf als auch neben dem Eis. Die Equipe besitzt eine grosse Einsatzbereitschaft jedes einzelnen." Erst nach 66 Minuten und vier Sekunden fiel im ersten Match in Davos die Entscheidung. Mario Rottaris traf für die Gäste um 4:3, nachdem die Bündner in einer dramatischen Schlussphase einen 1:3-Rückstand dank Toren von Svensson und Thibaudeau wettgemacht hatten. Auch im zweiten Match lagen die Davoser mit zwei Toren zurück, diesmal schon nach 21 Minuten. Dann überrannten sie aber die Freiburger mit einer kompakten, disziplinierten Leistung förmlich und verdienten sich damit den 5:3-Sieg. Überragend spielte Christian Weber, der an diesem Abend gar den grossen Bykow ausstach.
Die gute Ausgangslage verscherzte Davos mit einer 2:4-Heimpleite in der dritten Begegnung. Sie bedeutete aber noch nicht das Aus. In einer nerven aufreibenden Partie sicherte sich Davos den zweiten Auswärtssieg. Hodgson und Thibaudeau sorgten im Schlussdrittel für eine 2:1-Führung. 67 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit glich Andrej Chomutow aus. Und nach 9:22 Minuten der Verlängerung erzwang Thibaudeau mit dem 3:2 den alles entscheidenden fünften Match. Dort scheiterten die Davoser trotz Heimvorteil zu oft am ausgezeichneten Fribourg-Goalie Steve Meuwly und am eigenen Unvermögen im Abschluss. Sie machten zwar zwischenhinein aus einem 0:2 einen 3:2-Vorsprung. Doch dann besorgte Chad Silver aus einem Gewühl heraus den Ausgleich. Und im folgenden offenen Schlagabtausch traf Marc Leuenberger 196 Sekunden vo Spielende zum 4:3 für die Gäste. Mit einer nur etwas besseren Chancenauswertung hätten die Platzherren die Partie allerdings gewinnen müssen. Trotzdem bedankten sich die HCD-Fans mit einer "Standing ovation" bei ihrer Mannschaft. Sie hatte im Vergleich zum Vorjahr klare Fortschritte bewiesen und auch das Minimal-, nicht aber das im Herbst formulierte Wunschziel, die Play-off-Halbfinals, erreicht. Dennoch stieg im Frühling eine Meisterfeier. Dafür sorgten die Davoser Elite-Junioren des HCD unter Trainer Ewgeny Popichin. Sie sicherten sich nach einem Play-off-Finalsieg über ihre Alterskollegen von Ambri den Schweizer Meistertitel. Gleichzeitig lieferten sie die Bestätigung für die seriöse Nachwuchsarbeit beim HC Davos.
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